Meldungen des Jahres 2018

Meldung vom 30. Oktober 2018

Geboren am 4. Februar 1961. Ein Nachruf auf Uwe Sinnig

Am 4. September 2018 verstarb im Alter von 57 Jahren Uwe Sinnig, auch bekannt unter seinen Spitznamen „Käse“ und später „Konrad“.

„Ich bin entsetzt und tieftraurig, hatte heute eine Karte von Rahel im Briefkasten, dass „Käse“ [Spitzname in Jena] bzw. „Konrad“ [Spitzname nach der Ausreise], also Uwe Sinnig, verstorben ist.“ Gerold Hildebrand, Berlin

„Unser Freund „Käse“ war gerade einmal 11 Monate älter als ich. Er bedeutete mir und für mich ganz persönlich eine tiefe Freundschaft in unserer Jenaer Zeit. Wir waren gemeinsam in der Lehre zum Installateur. Er war 17 und ich 16 Jahre alt, als wir uns kennenlernten und beide in die Junge Gemeinde gingen. Durch ihn erkannte ich, dass ich als einzelner Mensch Rechte habe und keine „Marionette“ irgendwelcher Willkür sein musste, und, dass wir gemeinsam etwas bewegen können. Das waren wichtige Erfahrungen. Sie tragen bis heute.“ Henning Pietzsch, Berlin

Für den 9. September hatten wir uns in Kassel verabredet, am Vorabend hat mich Rahel (seine Lebenspartnerin) benachrichtigt, dass Uwe am 4. September verstorben ist ... mit Herzinfarkt am Strand im Urlaub in Frankreich. Ich kann und will es bis heute nicht richtig an mich heranlassen den Gedanken an diesen Verlust von einem Freund. Dass unsere warmherzig-intimen Diskussionen und der innige Gedankenaustausch, auch und gerade der letzten Jahre ... mit all unseren inzwischen gesammelten unterschiedlichsten Erfahrungen ... nun nicht mehr sein wird. Er wird in meinen Gedanken & Gefühlen weiter leben. In tiefer Trauer.“  Peter Gräfe (Goofy)

 

Die Beerdigung fand am 6. Oktober 2018 im FriedWald bei Kassel statt.

Die traurige Nachricht vom plötzlichen Tod unseres Freundes wäre kaum von öffentlicher Bedeutung, wäre Uwe Sinnig, alias „Käse“ bzw. „Konrad", nicht einer der maßgeblichen Protagonisten der Jenaer Friedensgemeinschaft im Jahr 1983.

Schon als Schüler der 10. Klasse hinterfragte er die gesellschaftlichen Vorgaben in der DDR. 1976 sollte er beispielsweise eine Ergebenheitsadresse unterschreiben, die die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann begrüßte. Das war quer durchs Land an allen Schulen so üblich damals. Doch Uwe weigerte sich: „Ich kenne den Mann doch gar nicht!“ Direktor und Lehrer drohten ihm, er unterschrieb und hat sich das nie verziehen. Aber nun wollte er die Lieder Biermanns kennenlernen und konnte später manchen Text auswendig.

Mit 16 Jahren ging Uwe in die Lehre als Installateur und lernte darüber Akteure der Jenaer Jungen Gemeinde der offenen Arbeit in der evangelischen Kirchengemeinde in Jena kennen. In einem Alter also, wo vieles in Frage gestellt wird, die Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft beginnt. So weit, so normal. Wäre da nicht die Junge Gemeinde gewesen, getragen von der Idee einer offenen Kirchengemeinde unter dem Label „Offene Arbeit“. Die Jugendlichen, die hier zusammen kamen, waren oft ohne kirchlichen Bezug, wenig religiös oder gar ablehnend gegenüber Institutionen und Ritualen, wozu sie als säkularisierte Jugendliche auch die damalige Kirche zählten. Schnell jedoch verfing die Offenheit der Gemeinde. Es war nicht wichtig, ob religiöse Vorkenntnisse oder Bekenntnisse vorlagen. Und, in diesem Kirchenkreis, in dem die Jugendlichen nicht homogen agierten und dennoch ihren jugendlichen Alltag in Verbindung zueinander und in Überschneidung miteinander lebten, einem Netzwerk der Diversität also im Spannungsfeld zwischen Kirche und Staat, hier fand Uwe einen Platz, seinen Platz.

Hier diskutierte Uwe mit allen über das, was ihn und die Jugendlichen beschäftigte. Später engagierte er sich in mehreren Lesekreisen, auch in dem, der sich mit dem Buch „Alternative“ von Rudolf Bahro beschäftigte. Dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sollte dieser Kreis bis zum Schluss verborgen bleiben, da es in ihm keinen Spitzel gab. Ein wichtiges Thema war viele Jahre das Thema Frieden vor dem Hintergrund der Systemauseinandersetzung und -konkurrenz zwischen Ost und West, der Kalte Krieg und die eigene Haltung gegenüber der realen Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung. Sollten die Jugendlichen Kriegsdienst im Namen einer Ideologie unhinterfragt leisten oder den Kriegsdienst, den der SED-Staat als Friedensdienst deklarierte, verweigern? Sollten sie sich unterordnen unter staatliche Zwangsmaßnahmen oder konnten sie ihren Pazifismus leben?

Uwe Sinnig (re.) im Urlaub der Jungen Gemeinde Stadtmitte zusammen mit
Exiljenaern in Polen, neben ihm Doris Liebermann, 1980. Quelle: ThürAZ, Sammlung/Foto Thomas Grund, Signatur: ThuerAZ-P-GT-F-061.03

Schnell entschied sich Uwe, so wie viele seiner Freunde, für die Wehrdienstverweigerung, zumindest aber für einen Dienst ohne Waffe in der Hand. Seine Verweigerung war aber nicht nur pazifistisch motiviert. In dieser Armee wollten er und viele seiner Freunde nicht dienen, weil sie sich mit dem Staat DDR nicht identifizierten. Ältere erzählten auch wie es in dieser sogenannten Volksarmee abging, was sie erlebt hatten. Nicht zuletzt standen oft auch die angeeigneten christlichen Werte im Widerspruch zum verpflichtenden Kriegsdienst. Die daraus von SED und Stasi abgeleitete staatsfeindliche Haltung wurde vom Staat mit allen Mitteln bekämpft. Uwe und seine Freunde gerieten so schnell ins Visier der Stasi, weil sie den Kriegsdienst ablehnten, sich den Mund, das Denken und das aus innerer Überzeugung resultierende Handeln nicht verbieten lassen wollten.

1982 bildete sich im Umfeld der Jungen Gemeinde Stadtmitte eine kleine Gruppe Jugendlicher heraus, in der Uwe und seine Freunde immer wieder überlegten, wie sie ihrer Überzeugung in der eingemauerten DDR-Gesellschaft Ausdruck verleihen könnten, und, wie sie auf die realen Kriegsgefahren aufmerksam machen und ihre Meinung öffentlich sagen konnten. Ein erster Appell der Gruppe im Januar 1982 unter dem Motto „Keine Moneten für Raketen" wurde noch unterbunden. Ein Stasi-Spitzel im Dienst der Kirche verriet den Aufruf und die Inhalte noch in der Nacht des Entstehens. In einem operativen Vorgang des MfS hieß es später dazu, „durch die zeitnahen Informationen des inoffiziellen Mitarbeiters (IM) „Runge" gelang es den operativen Mitarbeitern, die öffentlichkeitswirksame Aktion zu verhindern. Operative Gegenmaßnahmen sind eingeleitet". Die Beteiligten und einige aus dem Umfeld wurden postwendend verhaftet und verhört. In die Presse im Westen lancierte Berichte und Proteste verhinderten Schlimmeres. Die verhörten Akteure kamen alle wieder frei, vorerst. Der Aufruf ging als „Jenaer Appell“ in die Geschichte ein.

Nach weiteren öffentlichen Aktionen im Jahr 1982, unter anderem zwei Schweigeminuten für den Frieden, wovon die zweite Ende Dezember unterbunden werden konnte, kam es im März 1983 zum ultimativen Konflikt mit der Staatsmacht. Die Friedensgemeinschaft Jena wollte am 19. März 1983 eine eigene Gedenkveranstaltung aus Anlass des 38. Jahrestages der Bombardierung Jenas im Zweiten Weltkrieg organisieren. Mitten im Stadtzentrum. Uwe Sinnig und sein Freund Michael Rost, beide gingen gemeinsam zur Stadtverwaltung, Abteilung Innere Angelegenheiten. Dort wurden sie tatsächlich vorgelassen. Als sie ihr Anliegen vorgetragen hatten, bekamen die damals Verantwortlichen der Stadt vermutlich heftige Schnappatmung. Sie fragten in großer Erregung nach, wer eine solche Gedenkveranstaltung beantrage. Die Mitarbeiter der Abteilung Innere Angelegenheiten wähnten wohl eine staatliche Organisation dahinter. Weit gefehlt, die beiden Jungs, ringend um eine Antwort, meinten kurzerhand, Organisator sei die unabhängige Friedensgemeinschaft Jena. Das war zugleich die namengebende Geburtsstunde der Jenaer Friedensgemeinschaft (FG).

So etwas hatte es noch nicht gegeben. Bürger der Stadt wollten außerhalb und unabhängig von staatlichen Organisationen politisch aktiv werden, und das auch noch als eigenständige Gruppe und in aller Öffentlichkeit. Nie zuvor war das Thema öffentlich besetzt. Jetzt schon. Auch Stasi-IM hatten das Ansinnen der Gruppe vorher nicht enttarnen können. Und so konnte die Stasi das Agieren der Gruppe auch nicht mehr verhindern. Was aber möglich war, war die ideologische Besetzung dieses Datums. Die staatlichen Stellen organisierten in aller Eile eigene Gedenkveranstaltungen am 18. und 19. März 1983.

Zur eigentlichen Kranzniederlegung im Zentrum der Stadt warfen die herbeizitierten SED-Genossen und verpflichtete „Arbeiter“, von der Stasi „gesellschaftliche Kräfte“ genannt, immer wieder ihre Kränze über die der Friedensgemeinschaft. Es war „ein richtiges Gezerre", wie Zeitzeugen später berichten und Fotodokumentationen belegen. Offene Gewalt scheute die Staatsmacht an beiden Tagen weitgehend, auch, weil die Kirchengemeinde der Stadt in den „Konflikt" einbezogen war und nun „vermitteln" sollte.

Uwe Sinnig (hinten rechts) während einer eigenständigen Demonstration der Jenaer Friedensgemeinschaft (FG) anlässlich des 38. Jahrestages der Bombardierung Jenas im Zweiten Weltkrieg, 18. März 1983. Weitere Mitglieder der FG im Bild (v.l.n.r.): Frank Rub, Jörg Knaack, Roland Jahn (mit einem Bild von Michael Blumenhagen). Quelle: ThürAZ, Sammlung Carsten Hahn, Fotograf Bernd Albrecht, Sgnatur: ThuerAZ-P-HC-F-006.08

Mitte 1983 wurden Uwe Sinnig und zahlreiche Freunde, darunter Roland Jahn, dem wie vielen anderen zumeist kurzzeitig Inhaftierten ein so genannter „Ausreiseantrag" in Haft abgepresst wurde, in den Westen abgeschoben. Uwe blieb auch nach seiner Abschiebung in die Bundesrepublik ein politischer Mensch und sich selbst treu. Das Rampenlicht der Öffentlichkeit brauchte er dafür aber nicht. Nach dem Erlernen der Berufe als Masseur und Bademeister sowie Physiotherapeut arbeitete und lebte er seit der Jahrtausendwende im hessischen Kassel. Sein Hauptschwerpunkt in der Arbeit lag stets in der ganzheitlichen Behandlung des Menschen. Diese Arbeit entsprach seinem Wesen und seinem Handeln. Genau so werden seine Familie und Freunde ihn in Erinnerung behalten, als ganzheitlich denkenden und integrativ wirkenden Menschenfreund.

Wie alles begann und wie das Ganze ausging, ist in verschiedenen Veröffentlichungen nachzulesen.

 

Weiterführende Literaturhinweise:

- Gewisser Nachwuchs: Mit der größten Ausbürgerungsaktion seit 1976 will die DDR die staatsunabhängige Friedensbewegung im Land schwächen, in: Der Spiegel vom 30.5.1983, online: http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/14020552;

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14020552.html

- Philipp Dreesen: Diskursgrenzen. Typen und Funktionen sprachlichen Widerstands auf den Straßen der DDR, Berlin 2015.

- Gerold Hildebrand: Von der SED verfolgt. Die Friedensgemeinschaft Jena, in: tilt, Ausgabe 3/97, online: https://www.tiltonline.net/archiv/hefte/tilt9703/jena.htm

- Horch & Guck, Sonderheft 1/2000, online: http://www.horch-und-guck.info/hug/archiv/2000-2003/sonderheft-1/inh/

- Ehrhart Neubert / Thomas Auerbach: "Es kann anders werden". Opposition und Widerstand in Thüringen 1945-1989, (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Schriften der Stiftung Ettersberg, Bd. 3), Köln/Weimar/Wien 2005.

- Henning Pietzsch: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970–1989, (= Europäische Diktaturen und ihre Überwindung. Schriften der Stiftung Ettersberg, Bd. 5), Köln/Weimar/Wien 2005.

- Udo Scheer: Vision und Wirklichkeit. Die Opposition in Jena in den siebziger und achtziger Jahren, Berlin 2002.

 
 
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