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Von Hiddensee nach Syrakus – Eine Filmrezension zur ostdeutschen Sehnsucht nach Freiheit
Freiheit ist bis in die heutige Zeit ein gesellschaftlich umstrittener Begriff, dessen unterschiedliche Deutungen durch verschiedene politische Lager häufig mit Vorstellungen von Unfreiheit für das jeweils andere Lager verbunden sind. Um die Bedeutung von Freiheit wurde bereits im Kalten Krieg heftig gerungen. Das einseitige Freiheitsverständnis der DDR, das auf die Befreiung von kapitalistischer Ausbeutung und Existenzängsten abzielte, kontrastierte mit den von vielen DDR-Bürgern als erstrebenswert aufgefassten individualistischen Freiheitsrechten der westlichen Demokratie. Die aktuellen Kino-Filme "Hiddensee" und "Spaziergang nach Syrakus" widmen sich in Form einer künstlerisch-historischen Aufarbeitung dieser (ostdeutschen) Sehnsucht nach Freiheit.


Hiddensee – ein kulturhistorischer Rückzugsort
Der Dokumentarfilm "Hiddensee" von Annekatrin Hendel versucht, die Grenzen zwischen den verschiedenen Epochen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart durch den konsequenten Einsatz eines Schwarz-Weiß-Filters sowie durch die Einbindung von Zeitzeugen, zu verwischen. Im Vordergrund steht die Kunstgeschichte der Insel, insbesondere mit Blick auf die Künstler und Intellektuellen, die es in den Goldenen Zwanzigern auf die Insel zog. Mit dem Nationalsozialismus verschwanden auch die Kunst und ihre Künstler, die in der DDR nur spärlich wieder Anschluss an die Insel fanden. Diese historischen Entwicklungen werden den heute kontrovers diskutierten kulturellen Angeboten der Insel gegenübergestellt, die vor dem Hintergrund der ohnehin angespannten politischen Auseinandersetzungen im Ortschaftsrat zwischen Einheimischen und Zugezogenen betrachtet werden.
Vor 1990 wird Hiddensee als streng überwachtes Grenzgebiet beschrieben, in dem es zwar nicht so gnadenlos wie an der Mauer in Berlin zuging, aber die anwesenden NVA-Soldaten die jungen Menschen, die Hiddensee als Rückzugsort vom DDR-Alltag betrachteten, nie aus den Augen verloren haben. Trotz der schwierigen Zugangsbedingungen, die nicht selten durch konstruierte familiäre Bezüge zur Insel umgangen werden mussten, entwickelte sich Hiddensee insbesondere in den 1980er Jahren zu einem Anziehungspunkt für Künstler, Andersdenkende und Systemkritiker, die dort nach Möglichkeiten zur individuellen Selbstverwirklichung und einem Leben jenseits gesellschaftlicher Normen suchten. Dabei wird beispielsweise die Band "Feeling B" thematisiert, die am Strand ein Geheimkonzert spielte.
Konträr dazu suchte auch die Hautevolee der DDR auf der Insel nach einem Freiheitsgefühl und Abstand vom sozialistischen Alltag. Die Schauspielerin Inge Keller, die die Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns nicht unterzeichnete, bekam nach der Nationalpreisübergabe 1977 von Erich Honecker den persönlichen Wunsch erfüllt, trotz Baustopp ein Haus auf der Insel zu errichten. Während ihre Tochter damals idealistisch gegen die Immobilie opponierte, freut sie sich heute über deren gestiegenen Wert. Dieser Einzelfall wird als Ausdruck der heutigen Folgen der Transformationsphase eingeordnet, in deren Verlauf westdeutsche Investoren das touristische Potenzial der Insel erkannten und die Gentrifizierung vor Ort vorantrieben. Im Ergebnis wird die Insel für viele Einheimische zunehmend unbezahlbar.

Spaziergang nach Syrakus – Fernweh als Grenzraum
In der ästhetischen Gestaltung und Erzählweise unterscheidet sich die Verfilmung von Friedrich Christian Delius‘ Roman "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus" deutlich von Hendels "Hiddensee". Charly Hübner spielt in dieser Tragikomödie den Rostocker Paul Gombitz. Paul arbeitet als Kellner auf dem Ausflugsschi5 „Weiße Flotte“ im Greifswalder Bodden. Obwohl er ursprünglich ein Studium anstrebte, beschreibt er sein Leben in der DDR als weitgehend zufriedenstellend. Einzig sein unerfüllter Reisewunsch Sizillien lässt ihn nicht los. Der Film adressiert hier eine unterrepräsentierte ostdeutsche Lebensrealität von Menschen, die sich mit der DDR verbunden fühlten, zugleich aber nach individuellen Freiheiten strebten, die ihnen der Staat konsequent verwehrte.
Die jahrelang geheim gehaltenen Fluchtvorbereitungen machen sowohl die hohen Hürden einer Flucht aus der DDR als auch die allgegenwärtige Überwachung durch die Staatssicherheit und die individuelle Selbstregulierung des Systems über die Gefahr, sich bereits durch Mitwisserschaft strafbar zu machen, deutlich. So wird etwa der Vorsitzende des Segelvereins misstrauisch gegenüber Pauls möglichen Fluchtplänen, während auch die Bibliothekarin Verdacht schöpft, als er genehmigungspflichtige Bücher zur Militärtechnik ausleihen möchte.
In der dramatischsten Szene fusionieren beide Filme geografisch, indem Paul im nächtlichen Gewitter an der Südspitze Hiddensees vorbei nach Dänemark segelt. Nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik verdeutlicht der Film ein weiteres Hindernis der Flucht aus der DDR: die sippenhaftähnliche Repression. Während eines Telefonats mit seiner Frau Anne, gespielt von Charly Hübners tatsächlicher Ehefrau Lina Beckmann, erkennt Paul, dass Staatssicherheit und Polizei bereits in ihrem Wohnzimmer stehen.
Der Westen wird von Paul als Ort umfassender Freiheit beschrieben, doch eine Spitze gegen den Kapitalismus bleibt nicht aus: Die Menschen sind nur so lange freundlich und offen, wie man über das nötige Kleingeld verfügt. Nach seiner wochenlangen Italienreise und persönlichen Erkenntnissen, die ihm im begrenzten Horizont der DDR in dieser Form verwehrt geblieben wären, begibt er sich auf die Heimreise. Auf dem Brenner, der Grenze zwischen Italien und Österreich, erfährt er vom Mauerfall und erkennt, dass seine Reise nun beinahe überflüssig geworden ist.

Freiheit – ein unerfüllter Traum?
Während sich "Hiddensee" mit einer kleinen Szene von Aussteigern und Freiheitssuchenden auseinandersetzt, richtet der "Spaziergang nach Syrakus" den Blick auf die unerfüllten Freiheitswünsche von Millionen von DDR-Bürgern. Beide Filme illustrieren bedeutende und unterrepräsentierte Perspektiven im Kontext vielfältiger Lebenserfahrungen in der DDR. Der von mir geschätzte Altersdurchschnitt von etwa 65 Jahren in beiden Vorführungen verdeutlicht, dass sich 37 Jahre nach dem Mauerfall weiterhin viele Menschen mit ihrer ostdeutschen Lebensrealität auseinandersetzen. Vielleicht auch, weil ihre Erfahrungen öffentlich nur unzureichend anerkannt oder dargestellt wurden. In der Blüte ihres Lebens verwehrte ihnen ihr eigener Staat die Möglichkeit, die Welt zu bereisen. Heute hindern sie allenfalls die zu geringen Renten an einem eigenen Spaziergang nach Syrakus.
Malte Graber
Historiker, Erfurt
„Verlorene Zeit – Gegen das Schweigen“ – Zwei Filmtermine im September
Im September 2026 wird der Dokumentarfilm „Verlorene Zeit – Gegen das Schweigen“ von Torsten Eckold und Stefanie Falkenberg an zwei Orten öffentlich gezeigt und durch ein anschließendes Publikumsgespräch vorgestellt.
Im Film gehen vier Zeitzeugen auf Spurensuche an die Orte ihrer Jugend. Im Durchgangsheim Schmiedefeld, im Jugendwerkhof „Neues Leben“ Wolfersdorf und im Frauengefängnis Hohenleuben waren sie der Willkür des SED-Regimes ausgeliefert, weil sie als „schwer erziehbar“ galten oder in den Westen wollten. Die Zeitzeugen sprechen über Gewalterfahrungen, Isolation und Zwangsarbeit in den Einrichtungen der repressiven DDR-Heimerziehung und im Strafvollzug sowie über die Gründe ihrer Einweisung oder Verhaftung. Jugendliche, die sich nicht ins Normsystem der DDR einfügen wollten oder konnten, sollten mit Zwangsmaßnahmen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden. Auch in Thüringen gab es solche Einrichtungen.
Der Dokumentarfilm entstand in Zusammenarbeit mit dem Projekt DENKOrte des Thüringer Archivs für Zeitgeschichte „Matthias Domaschk“ in Jena. An der 90-minütigen Dokumentation wirkten als Experten der Theologe Christian Sachse sowie der Kurator Manfred May mit, der seit Jahrzehnten Ansprechpartner für ehemalige Heimkinder in Thüringen ist. Nach dem Film findet jeweils ein Gespräch mit dem Filmemacher Torsten Eckold und Stefanie Falkenberg, Projektkoordinatorin von DENKOrte, über den Film, ihre Arbeit und die Praxis der repressiven DDR-Heimerziehung statt. Zudem laden wir Zeitzeuginnen und Zeitzeugen dazu ein, ihre Erfahrungen im Erziehungssystem der DDR mit uns zu teilen. Ziel ist es, nach Jahrzehnten des Schweigens über die eigene Biografie miteinander ins Gespräch zu kommen.
TERMINE
Am 15. September 2026 im Lern- und Erinnerungsort Notaufnahmelager Gießen (im Rahmen der Ausstellungsstation "BLACKBOX Heimerziehung" der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau), Ausstellungseröffnung: 17 Uhr, Filmbeginn: 18 Uhr.
Am 17. September 2026 im Ratssaal der Volkshochschule "Karl Mundt" Suhl (Meininger Straße 89, 98529 Suhl), Beginn: 17 Uhr. Eine Kooperationsveranstaltung mit dem Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (ThLA). Die Moderation übernimmt die Historikerin Dr. Anke Geier (ThLA).

