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Meldung vom 21. August 2026

Lust, Ländlichkeit und Lebenswandel: Erotikshops als Spiegel ostdeutscher Transformation – Eine Rezension zur Ausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ in Erfurt

Clubs wie das „KitKat“ oder „Berghain“ in Berlin gelten mittlerweile auch im Mainstream als Sinnbilder sexueller Freizügigkeit einer offenen Gesellschaft. Dass Sexualität im ländlichen Raum genauso präsent ist, aber vielleicht weniger offen ausgelebt wird, zeigt die Bildausstellung „Provinzlust. Erotikshops in Ostdeutschland“ der Fotografen Karen Weinert und Thomas Bachler zum gleichnamigen Buchprojekt von Uta Bretschneider und Jens Schöne. Vor zwei Jahren wurde der Band auch schon in der Zeitschrift „Gerbergasse 18“ (Heft 112) rezensiert.

 

Erotikshop in Herzberg, aus der Serie „Provinzlust“ von Karen Weinert und Thomas Bachler.

 

Ostdeutsche Lebensrealität
Der Auftrag für die Publikation ‚Provinzlust‘ führte uns in eine Welt, die zunehmend aus dem öffentlichen Blick verschwindet, und zu Menschen mit vielfältigen Lebensgeschichten.“ – Karen Weinert
Die zunächst vielleicht ungewöhnlich wirkende Auseinandersetzung mit Erotikshops außerhalb der Großstädte erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein äußerst relevanter Beitrag zu einem Grundanliegen der DDR- und Transformationsforschung, nämlich der alltagsgeschichtlichen Analyse individueller Erfahrungen. Die Interviews mit den Shopbetreibenden ermöglichten die Analyse eines bisher nur wenig dokumentierten, von Scham und Stigmata geprägten Themenfeldes, wodurch eine ostdeutsche Lebensrealität abgebildet werden konnte, die sonst im Verborgenen geblieben wäre.

 

Wandel in Ostdeutschland
Wie unter einem Brennglas lassen sich anhand der Erotikshops in Ostdeutschland Umbruchsgeschichten seit dem Ende der DDR nachzeichnen.“ – Uta Bretschneider
Erotikshops stellen durch ihren stetigen Wandel in Ostdeutschland seit den 1990er Jahren einen besonderen Betrachtungsgegenstand der Transformationsforschung dar. Während die Erotikläden zu Beginn der 1990er Jahre im Zuge der Euphorie wie Pilze aus dem Boden schossen, begünstigt durch ein nachzuholendes Konsumbedürfnis in Kombination mit fehlender Auslebung sexueller Bedürfnisse in einer prüden und bisweilen spießbürgerlichen DDR-Gesellschaft, setzte bereits Mitte der 1990er Jahre durch eine Insolvenzwelle unwirtschaftlicher Geschäfte ein Bewusstsein für die neuen realexistierenden kapitalistischen Verhältnisse ein. Der wachsende Onlinehandel ab den 2000er Jahren übte einen neuen Druck auf die bestehenden Erotikshops aus, wodurch sie zu einem weiteren Repräsentationsobjekt sterbender Innenstädte wurden.
Der heutige Zustand der Erotikgeschäfte stellt die ernüchternde wirtschaftliche Situation des ostdeutschen ländlichen Raumes dar. Die teilweise heruntergekommenen, im Interieur seit den 1990er Jahren unveränderten Läden repräsentieren Landstriche, die von schwindenden Perspektiven und fehlendem Wirtschaftswachstum gekennzeichnet sind. Die Ladenbesitzer sind zumeist mit instabilen ökonomischen Verhältnissen konfrontiert, die sie nur mit einem zweiten Standbein oder einer mietfreien Verkaufsfläche kompensieren können. Die häufig abwertend als Erotik- oder Sexshops bezeichneten Läden auf dem Land stehen hippen Läden wie dem „playstixx“ in Berlin gegenüber.

 

Erotikshop in Cottbus, aus der Serie „Provinzlust“ von Karen Weinert und Thomas Bachler. 


Erotikshops als demografischer Spiegel Ostdeutschlands
Die Fotografien lasse zudem Rückschlüsse auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Ostdeutschland zu. Die modern gestalteten Läden in den großen Städten sprechen in ihrem Erscheinungsbild zufolge eher ein jüngeres Publikum an. Die höheren Ladenmieten und das kleinere Produktsortiment legen die Vermutung nahe, dass ihr Angebot stärker auf höherpreisige Produkte und damit auf eine einkommensstärkere Kundschaft ausgerichtet ist. Darin spiegelt sich eine demografische Entwicklung Ostdeutschlands wider, die durch Abwanderung junger Menschen in die Großstädte auf der Suche nach besseren beruflichen Perspektiven geprägt ist.
Gleichermaßen richten sich die Großstadtshops vermehrt an queere Menschen und Frauen. Konträr dazu spielen die ländlichen Erotikshops mit dem männlichen und heterosexuell geprägten Blick, was sich an einer größeren Produktpalette an Damenreizwäsche und Pornografie beobachten lässt. Darin zeigt sich unter anderem der seit den 1990er Jahren anhaltende Zuzug junger Frauen in die Großstädte sowie in den Westen Deutschlands, der mit einem Männerüberschuss in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands einhergeht. Die unterschiedliche wirtschaftliche Status der Erotikshops lässt sich schließlich auch dadurch erklären, dass ihre Zielgruppe neben der sexuellen Selbstverwirklichung häufig nach Möglichkeiten individueller Entfaltung sucht, die in Metropolen eher zur Verfügung stehen ist als im strukturschwachen und eher konservativ geprägten ostdeutschen ländlichen Raum.
Falls Sie nun „Lust“ bekommen haben, selbst einen Einblick in den Erotikhandel der ostdeutschen Provinz zu erhalten, können Sie die Ausstellung noch bis zum 25. Oktober 2026 im Museum für Thüringer Volkskunde in Erfurt besuchen.

 

Malte Graber

Historiker, Erfurt

Meldung vom 12. August 2026

Wer weiß was? Auf der Suche nach der 1982 verschwundenen Skulptur von Michael Blumhagen zum Gedenken an Matthias Domaschk

Am 12. April 1981 starb der 23-jährige Matthias Domaschk in der Untersuchungshaftanstalt Gera des Ministeriums für Staatssicherheit. Matz, wie ihn seine Freunde nannten, gehörte zur oppositionellen Szene von Jena und geriet dadurch ins Visier der Staatsmacht. Nach offizieller Darstellung soll er sich wenige Minuten vor seiner geplanten Entlassung das Leben genommen haben. Zum Todesfall wurde wiederholt und ausführlich geforscht, dennoch sind die genauen Umstände nicht zweifelsfrei geklärt.
Aus Anlass des ersten Todestages errichteten Freunde von Domaschk gemeinsam mit dem Bildhauer Michael Blumhagen auf dem historischen Johannisfriedhof in Jena im April 1982 eine Steinskulptur zu seinem Gedenken. Die sitzende, schutzsuchende Figur („Der trauernde Mann“) trug im Sockel den Namen des Verstorbenen sowie das Geburts- und Todesdatum. Es sollte ein sichtbarer Ort des Erinnerns sein – auch für Menschen von außerhalb.

 

Vier Männer und ein Lada mit Anhänger
Zeitzeugen zufolge wurde die zentnerschwere Skulptur noch am Tag ihrer Aufstellung von Mitarbeitern der Staatssicherheit in Augenschein genommen. In der Folge sei Druck auf die Kirchengemeinde ausgeübt worden, das Domaschk-Denkmal zu entfernen. Wenige Tage später wurde die Skulptur von vier Personen auf einen Anhänger gehievt und mit einem blauen Lada abtransportiert.
Der Vorgang wurde aus einem benachbarten Gebäude heraus fotografisch dokumentiert. Die Aufnahmen gelangten in die Bundesrepublik und wurden dort unter anderem im „Spiegel“ veröffentlicht. Seitdem ist der Verbleib der Skulptur ungeklärt. Auch die Lebens- und Arbeitsumstände von Michael Blumhagen stehen in engem Zusammenhang mit den Ereignissen. Im Juni 1982 wurde er zum Reservistendienst einberufen. Da er den Dienst an der Waffe verweigerte, wurde er zu sechs Monaten Haft verurteilt. Während dieser Zeit wurde das von ihm bewohnte Bauernhaus in Graitschen baupolizeilich gesperrt und abgerissen, zahlreiche seiner Arbeiten gingen dabei verloren oder wurden zerstört.
45 Jahre nach dem Tod von Matthias Domaschk ist die verschwundene Skulptur nach wie vor von hoher symbolischer Bedeutung. Sie verweist auf einen blinden Fleck im kulturellen Gedächtnis der Stadt Jena und darüber hinaus. Offen ist bis heute, wer den Abtransport konkret veranlasste, welche Institutionen beteiligt waren und welche Rolle kirchliche, städtische oder staatliche Stellen spielten.

 

Die Skulptur des Bildhauers Michael Blumhagen im Andenken an Matthias Domaschk (1957–1981) wurde im April 1982 vom Gelände des Jenaer Johannisfriedhof gestohlen und ist seitdem verschollen.

Foto: Robert-Havemann-Gesellschaft, RHG_Fo_HAB_11847

 

Keine Friedhofsruhe
Das Projekt thematisiert die verschwundene Skulptur bewusst ohne die Erwartung an ein bestimmtes Ergebnis. Gesucht werden Hinweise, Dokumente, Erinnerungen und Gespräche. Wer weiß etwas über den Transport der Skulptur mit Sockel? Wer erinnert sich an das Frühjahr 1982 in Jena? Gibt es Unterlagen in Archiven oder privaten Nachlässen, die bislang unbeachtet geblieben sind? Dieser Aufruf versteht sich ausdrücklich als Auftakt für eine ergebnisoffene Recherche, um die Verbringung der Domaschk-Skulptur von Michael Blumhagen zu klären. Die bisherigen Darstellungen stützen sich auf Zeitzeugenberichte, publizierte Fotografien sowie archivalische Quellen, die jedoch Lücken aufweisen und teilweise widersprüchlich sind. Ziel des kollektiven Projektes ist es, vorhandenes Wissen zusammenzuführen und bislang unbekannte Informationen zu erschließen.

 

Andreas Simon
Pfarrer, Jena

Kontakt (auf Wunsch auch anonym):
Ev.-Luth. Kirchengemeinde Jena
z. Hd. Andreas Simon, Lutherstraße 3, 07743 Jena
Telefon: 03641 573822
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